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Kategorie: Gesundheit
Erstellung am: 12. September 2006 13:37 - 26137 Hits

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Aktion Mensch Pressezentrum

Der TV-Markt für Kleinkinder boomt. Flimmerkiste im Kinderzimmer? Fachleute raten vor allem, die Medienkompetenz von Eltern und Kindern zu stärken Text: Silke Häußler

In einem amerikanischen Wohnzimmer läuft der Fernseher. Ein Baby sitzt auf dem Schoß der Mutter und schaut mit ihr gemeinsam auf den Bildschirm. Dort fließt gelbe Farbe ganz langsam von oben nach unten, dazu erklingt Musik von Mozart. Die Bilder wechseln und zeigen nun ein Sonnenblumenfeld als Realfilm.
Die beiden schauen sich "Baby van Gogh" in der Reihe "Baby Einstein" an. Die Idee dieser Video-/DVD-Reihe geht auf Julie Clark zurück. Als die amerikanische Pädagogin ein Kind bekam, wollte sie ihm die allerbeste Förderung geben. Sie entschloss sich, für ihr Baby ein Video zu produzieren, um ihm auf geeignete Weise die Welt der Farben, Formen und vor allem der Musik zu eröffnen. Weitere Videos folgten, andere Eltern zeigten sich interessiert, und so gründete sie 1997 das Unternehmen "Baby Einstein". Sie schrieb damit eine Erfolgsgeschichte. Vier Jahre später verkaufte sie ihre Firma an die Walt Disney Company und damit ging ihre Idee um die Welt: Baby-TV was born! Ihre Idee wurde vielfach kopiert und fand den Weg auch nach Europa, wo die Nachfrage wuchs. Seit Oktober gibt es in einigen europäischen Ländern wie Frankreich oder Italien sogar Sender, die ausschließlich Baby-TV zeigen.
In einem deutschen Wohnzimmer läuft der Fernseher. Ein Baby liegt auf einer Spieldecke zwischen Teddybären und anderen Stoffwesen und schaut auf den Bildschirm, auf dem eine Vorabendserie flimmert. Die Mutter versucht, die Aufmerksamkeit ihres Kindes abzulenken, spricht es an und hält einen Teddybären hoch. Da das Kind nicht reagiert, bewegt sie den Bären zwischen Bildschirm und dem Köpfchen des Kleinen. Das Kind dreht sich weg und versucht an dem Plüschtier vorbei auf den Bildschirm zu schauen. Entschlossen drückt die Mutter auf die Fernbedienung. Kaum erlischt der Bildschirm, fängt ihr Sohn an zu schreien. Da dies nicht das erste Mal geschieht, verbannt sie das Gerät aus dem Wohnzimmer, überzeugt davon, dass Fernsehen ihrem Kind irgendwie schaden könne. Noch Tage später sucht ihr Sohn nach der Fernbedienung. Ihm bleibt eine Affinität zu Spielzeug, das Geräusche von sich gibt, und ihr das schlechte Gewissen.
Der Umgang mit Fernsehen ist kulturell geprägt. Viele Eltern in asiatischen Ländern finden es großartig, ihre Babys vor die Flimmerkiste zu setzen, damit diese zusehen können, wie sich ein Kleinkind an- und wieder auszieht. Die kritische Haltung, die viele Eltern hierzulande gegenüber dem Fernsehkonsum ihrer Kinder haben, liegt ihnen fern. Sie vertreten die Meinung: je früher, desto besser.

In Deutschland ernteten die ersten Sendungen für Kinder Empörung, doch dann gewöhnte man sich an sie. Als die amerikanische Vorschulserie "Sesamstraße" 1973 auf den dritten Programmen der ARD startete, gab es skeptische bis hin zu ablehnenden Reaktionen. Dabei zielte das Konzept der Sendung zunächst darauf, Kindern aus Ghettovierteln amerikanischer Städte mehr Bildung zu ermöglichen. Zwar belegten Studien später, dass die Sendung - falls überhaupt - Kinder aus bürgerlichen Familien fördert, weil diese gemeinsam mit ihren Eltern fernsehen und über das Gesehene sprechen, dennoch gehören Ernie und Bert heute zu den Klassikern.
Empörung gab es auch beim Start der Teletubbies, die 1999 auf dem KIKA, dem Kinderkanal von ARD und ZDF, erstmals ihr "Winke, winke" in die deutschen Wohnzimmer brabbelten. Das von der BBC, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in England, auf die Wahrnehmung der Zwei- bis Vierjährigen zugeschnittene Format löste eine hitzige Diskussion über Verdummung der Kinder durch das Fernsehen aus. Beanstandet wurden das Aussehen der Figuren, ihre Sprache und das Fehlen von Erwachsenen in der Serie. Kleinkinder aber, insbesondere Mädchen, lieben Tinky Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po. Heute sind die Teletubbies fester Bestandteil des Vorschulangebots des KIKA.

Das Geschäft rund um Produktion, Ausstrahlung und Merchandising von Kinderprogrammen floriert. Als reiner Kindersender ging Super RTL vor zehn Jahren als Erster an den Start. Zwei Jahre später folgte als öffentlich-rechtliches Pendant der KIKA, und im September 2005 startete als dritter frei empfangbarer Kindersender Nick. Im Bezahlfernsehen können Eltern Kindersender wie den Disney Channel abonnieren. Die Kabelgesellschaften bieten ebenfalls Programmangebote für Kinder wie den Vorschulkanal Playhouse Disney an. Hinzukommen zahlreiche Sendungen für Kinder als ein Teil des Angebotes auf anderen Sendern wie die "tivi"-Kinderprogramme des ZDF. Bei den Sendern herrscht ein erbitterter Wettbewerb um die Zuschauer, und ein Ende der Sendervielfalt ist nicht abzusehen. Mit Ausweitung der Digitalisierung drängen gar noch weitere Angebote für ganz spezifische Zielgruppen, sogenannte Spartensender wie Baby TV, auf den Markt.
Zwar wächst die Zahl der Kindersender stetig, doch die der Unternehmen, die im Hintergrund global agieren, bleibt überschaubar. Einige große "Networks" bestreiten fast den kompletten Ausstoß an Kinderproduktionen, verbunden mit umfassenden Marketingstrategien und Abspielkanälen rund um den Globus. Das von Hit Entertainment produzierte Vorschulprogramm "Bob der Baumeister", das seit 2000 auf Super RTL läuft, wird in mehr als 100 Ländern ausgestrahlt und bescherte dem deutschen Einzelhandel 2004 einen Umsatz von 85 Millionen Euro.

Für Kindersender sind die Drei- bis 13-Jährigen eine problematische, da in sich höchst heterogene Zielgruppe. Was ein Kindergartenkind anspricht, langweilt das Schulkind, was ein Mädchen gerne sieht, kommt bei Jungen selten gut an. Um all die verschiedenen Geschmäcker und Erwartungen der jungen Zuschauer zu bedienen, sind Kindersender auf finanzierbare und damit internationale Programmware angewiesen. Wer ein regional bezogenes Programm haben will, muss tief in die Tasche greifen und das Risiko der Refinanzierung alleine tragen, denn kulturspezifische Produktionen kommen im Ausland schlecht an. Internationale Produktionen sind so angelegt, dass sie auf verschiedene Kulturen übertragbar sind und über mehrere Kindergenerationen hinweg funktionieren. Entweder wird das Konzept übernommen oder das Programm komplett adaptiert und nur synchronisiert oder aber es wird eine eigene Version entwickelt. Bei Sendungen mit Rahmenhandlung wie den Teletubbies werden zum Teil die Realfilmbeiträge im jeweiligen Land produziert. Bei Animationsfilmen kommen die kulturellen Unterschiede weniger zum Tragen, daher sind sie für Auslandsverkäufe gut geeignet, wie Disney-Klassiker zeigen, die Kinder weltweit und über Generationen hinweg begeistern. Produktionen für Babys sind noch geeigneter für die internationale Vermarktung, da sie sogar ohne handelnde Figuren auskommen.

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