Schlafen lernen nach der Ferber-Methode

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Mutterglück und dunkle Nächte

Autor: Paul Suer

"Welch ein Glück - Das Kind ist da!" Freunde, Verwandte und Nachbarn eilen, um dem jungen Paar zu dem freudigen Ereignis zu gratulieren. Selbst der sonst so mürrische Rentner von nebenan hat sich mit einem Blümchen auf den Weg gemacht. Die Freude ist unendlich und es tut so gut, wenn alle zusammenhalten.

Inzwischen sind Wochen und Monate verstrichen. All die lieben Leute sind gegangen und der Alltag ist wieder eingekehrt. Der "süße Wonneproppen" ist mittlerweile Weile sieben Monate alt und bringt die junge Mutter regelmäßig um ihren Schlaf.

An diesem Morgen starrt sie mit tiefen Rändern unter den Augen übernächtigt auf das dunkle Küchenfenster. Es ist 5.30 Uhr und das Kind ist nach einer grauenvollen Nacht endlich eingeschlafen. In zwanzig Minuten wird ihr Mann aufstehen, damit er pünktlich zur Arbeit kommt. Sich wieder hinzulegen, lohnt nicht mehr.

Unter "Mutterglück" hatte sie sich eigentlich etwas anderes vorgestellt. Noch während sie verzweifelt in die Nacht starrt, erscheint plötzlich eine wunderschöne Fee, die ihr einen Zauberstab reicht. "Nimm ihn nur" spricht sie sanft, "du wirst ihn brauchen. Denn von heute an brauchst Du dich nicht mehr zu sorgen. Am Abend wirst du deinem Kind ein kleines Lied vorsingen und es wird wie ein Engel bis zum Morgen ruhen."

"Ein wunderschönes Märchen" werden Sie vielleicht denken, "hat nur leider nichts mit der Wirklichkeit zu tun." Oh, da irren Sie. Vor gar nicht langer Zeit hat der amerikanische Kinderarzt Prof. Richard Ferber ein Verfahren entwickelt, das eine zauberhafte Möglichkeit ist, jungen Familien ihren nächtlichen Frieden zurückzugeben. Das Verfahren ist genauso einfach wie sensationell. Bei konsequenter Anwendung wird Ihr Kind in wenigen Tagen friedlich durchschlafen und Sie werden sich fragen, warum Sie nicht früher darauf gekommen sind.


Worauf beruht die Ferber-Methode?

Die Ferber-Methode nutzt die Erkenntnis, dass sich manche Kinder bereits im frühen Alter bestimmte, ungünstige - man könnte auch sagen: unselige - Schlafmuster angewöhnt haben. Prof. Ferber, weltweit anerkannter Kinderarzt und Leiter eines Schlaflabors in Boston (USA), hat nämlich herausgefunden, dass es oftmals die Eltern selbst sind, die ungewollt zu den ungünstigen Schlafgewohnheiten ihrer Kinder beitragen.

In der Tat: Was versuchen viele Eltern nicht alles, um ihr Kind am Abend zur Ruhe zu bringen? Einige tragen es stundenlang auf dem Arm umher, vollführen regelrechte Tänze oder kutschieren es im Auto durch die Gegend. Andere Eltern reichen spezielle Breisorten, geben ihm Beruhigungstee oder lassen die Kleinen in der "Besucherritze" schlafen.

Dadurch "lernt" das Kind, dass es nur lange genug schreien muss, damit die Mutter seine Wünsche erfüllt. Vielleicht, um ein Geschwisterkind oder den berufstätigen Partner nicht aufzuwecken, wird die Mutter eher nachgeben, wodurch der Teufelskreis immer enger wird.

In ihrer Verzweiflung greifen manche Eltern sogar auf die etwas herzlosen Methoden ihrer Großeltern zurück, indem sie ihre Kinder einfach schreien lassen. Die Liste der mehr oder weniger hilfreichen Hausrezepte ließe sich mühelos um etliche Punkte erweitern.

Doch wenn der Schlafrhythmus einmal durcheinander geraten ist, sind all die gut gemeinten Schlummertipps fast wirkungslos. Die Ferber-Methode ist demgegenüber ein konsequentes, vielleicht etwas hartes, Trainings-Programm, durch das Sie nach wenigen Tagen zur ersehnten Ruhe zurückfinden können. Das Verfahren ist verhältnismäßig gut erforscht, in tausenden Familien erfolgreich erprobt und bei richtiger Anwendung absolut unschädlich.

Die Methode nutzt die Erkenntnisse der modernen Verhaltenstherapie, nach der jegliches Verhalten gelernt wurde. Also ist es auch möglich, neue Verhaltensweisen zu erlernen und alte abzulegen. Das Training zielt darauf ab, dass die Kinder ihre "schlechten" oder besser gesagt, "ungünstigen", Schlafgewohnheiten ablegen und neue erlernen.


Was sollten Sie bei der Anwendung der Ferber Methode beachten?

Bedenken Sie bitte, dass die Ferber-Methode für Kinder unter einem halben Jahr nicht geeignet ist. In den ersten sechs Monaten brauchen sie alle Liebe und Wärme dieser Welt. Entbehrungen und Verlust erleben sie in diesem frühen Alter als existenziell bedrohlich. Wir fügen ihnen schweren Schaden zu, wenn wir sie allein lassen, nicht ausreichend versorgen oder in anderer Weise vernachlässigen.

Vergessen Sie darum die Botschaft der Großeltern, die glaubten, dass Säuglinge durch ausreichende Versorgung zu sehr verwöhnt würden. Insofern ist ein gesundes Kind bei einer normalen Entwicklung im Allgemeinen mit sechs Monaten soweit entwickelt, dass es nachts durchschlafen könnte.

Über eines sollten Sie sich jedoch im Klaren sein: Die Ferber-Methode ist sozusagen der Notfallschirm in einer verfahrenen Lage, in der die Familie an die Grenze ihrer Belastbarkeit geraten ist. Sie anzuwenden ist für die Beteiligten eine große Herausforderung und alles andere als ein Spaziergang. Darum sollten sich die Eltern vor der Anwendung darüber verständigen, dass sie die emotionalen Belastungen gemeinsam durchstehen werden.

Denn wenn Sie das Programm abbrechen oder es unregelmäßig anwenden, kann genau das Gegenteil von dem passieren, was Sie erreichen wollten. Beenden oder verändern Sie das Programm deshalb nur, wenn Ihr Kind krank wird oder ein anderes wichtiges Ereignis seine Beendigung erfordert.


Wie funktioniert die Methode?

Die Methode selbst ist leicht zu beschreiben. Das Kind wird - wie immer - wach zu Bett gebracht. Im Gegensatz zu früher findet aber nur ein kurzes Einschlafritual statt, das immer den gleichen Ablauf und die gleiche Länge hat. Wichtig ist auch, dass es jeden Abend zur gleichen Zeit stattfindet. Um welche Uhrzeit Sie beginnen, ist unerheblich und sollte sich nach Ihrem persönlichen Tagesrhythmus richten.

Schließen Sie das Einschlafritual mit einem Schlusspunkt, z.B. mit einem Gute-Nacht-Kuss oder dem Betätigen der Spieluhr ab. Anschließend stellen Sie das Licht kleiner und verlassen ohne weitere Gesten und Erklärungen den Raum. Möglicherweise wird das Kind protestieren und zu weinen beginnen. Lassen Sie es am ersten Abend trotzdem drei Minuten in seinem Bett allein. Nach Ihnen vermutlich endlos erscheinenden drei Minuten kehren Sie zu ihrem Kind zurück und beruhigen es, indem Sie es streicheln oder ihm sanft zureden.

Allerdings dürfen Sie es nicht auf den Arm nehmen, Tee oder Milch reichen oder irgendwelche anderen "Belohnungen" geben. Denn das Kind soll ja lernen, dass die Mutter oder der Vater es zwar nicht im Stich lassen, dass sie sein Schreien aber nicht belohnen. Nach exakt zwei Minuten verlassen Sie ohne weitere Gesten und Erklärungen wieder den Raum. Doch bei diesem zweiten Mal verlängern Sie die "Auszeit" auf fünf Minuten usw.

Nach genau diesem Prinzip ist die Ferber-Methode aufgebaut. Allerdings wurde sie von der Psychologin, Frau Annette Kast-Zahn und dem Kinderarzt Dr. Hartmut Morgenroth auf deutsche Verhältnisse übertragen und sozusagen entschärft. Denn Prof. Ferber empfiehlt Auszeiten von bis zu 30 Minuten, die ich für entschieden zu lang erachte.

In dem hier vorgestellten Modell wird eine maximale Auszeit von 10 Minuten empfohlen, die für die Kinder, aber auch für die Eltern eine extreme Belastung sein kann. In der folgenden Tabelle sehen Sie, wie Sie den weiteren Ablauf gestalten können:

 

beim 1. Mal

beim 2. Mal

beim 3. Mal

alle weiteren

1. Tag

3 Minuten

5 Minuten

7 Minuten

7 Minuten

2. Tag

5 Minuten

7 Minuten

9 Minuten

9 Minuten

3. Tag

7 Minuten

9 Minuten

10 Minuten

10 Minuten

4. Tag

10 Minuten

10 Minuten

10 Minuten

10 Minuten

Auszeiten und "Tröstezeiten" nach Ferber

Sollten Ihnen Bedenken hinsichtlich der Länge der Auszeiten kommen, gestalten Sie Ihren eigenen Zeitplan. So können Sie insgesamt etwas langsamer vorgehen, indem Sie die Auszeiten erst allmählich ausdehnen oder die "Tröstezeiten" verlängern.

Egal, wie Sie Ihren persönlichen Zeitplan gestalten: Bleiben Sie konsequent und denken Sie daran, dass Sie - und nicht Ihr Kind - bestimmen, wie oft und wie lange Sie zu ihm gehen und wie lange Sie bleiben. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Schlafstörungen bei konsequenter Anwendung in den meisten Fällen nach wenigen Tagen behoben waren und nur selten mehr als eine Woche andauerten.


Die Ferber-Methode in der Praxis

Überlegen Sie reiflich, ob Sie sich zutrauen, ein bis zu zwei Wochen langes "Extrem-Programm" auszuhalten. Wenn das Schlaftraining nicht korrekt angewandt wird, verschärften sich mitunter die innerfamiliären Schwierigkeiten, die ein schlecht schlafendes Kind ohnehin bewirken kann. Bevor Sie also mit der Methode beginnen, sollten Sie sich folgende Fragen stellen und sie ehrlich beantworten:

  • Sind die Schlafstörungen meines Kindes wirklich so erheblich, dass dringend etwas geschehen muss?
  • Handelt es sich um Schlafstörungen bzw. ungünstige Schlafgewohnheiten oder gibt es eine tiefere Ursache, die z.B. medizinischer Natur ist?
  • Bin ich mit meinem Partner darüber einig, dass wir gemeinsam den zu erwartenden Stress aushalten?
  • Ist mein Kind mehr als sechs Monate alt und körperlich und seelisch gesund?
  • Können wir eine aktuelle Krisensituation, z.B. durch den Tod der Großmutter oder durch eine bevorstehende Scheidung der Eltern, ausschließen?
  • Hilft uns das Training auch dann, wenn unser Kind etwas besser aber immer noch nicht jede Nacht durchschläft?
  • Bin ich bereit, mir für das Training genügend Zeit zu nehmen und eventuell einen Teil meines Jahresurlaubes dafür zu opfern?

Wenn Sie alle Fragen eindeutig und mit einem guten Gefühl mit "ja" beantworten können, dann sollten Sie nicht länger zögern. Reden Sie mit Ihrem Kinderarzt, sprechen Sie mit Leuten, die die Ferber Methode kennen und machen Sie sich einen Plan. Wenn Sie die Geduld dazu haben, legen Sie ein Schlaftagebuch an, in dem Sie genau eintragen, wann Ihr Kind schläft, wann es wacht, und was Sie wie lange tun, um es zu beruhigen.

Allein dadurch, dass Sie das Schlaftagebuch sorgfältig führen, fallen Ihnen möglicherweise eigene "ungünstige" Verhaltensweisen auf. Wenn Sie also bereits in der Planungsphase herausfinden, wie häufig Ihr Kind glauben kann, dass es für sein Schreien belohnt wird, sind Sie bereits dabei, die Ferber-Methode anzuwenden.

Nicht selten erübrigt sich bereits in diesem Stadium die Anwendung des Trainings und Sie beginnen zu glauben, dass Ihnen tatsächlich eine wunderschöne Fee erschienen ist, die Ihnen einen Zauberstab gereicht hat.


Bevor es losgeht: ein letzter Check-up

Wenn Sie sich nach reiflicher Überlegung und nach dem Studium des Schlaftagebuches zu dem Training entschlossen haben, entwerfen Sie Ihren persönlichen Zeitplan mit ausreichendem Platz für eigene Anmerkungen.

  • Stellen Sie Ihr Kind einem erfahrenen Kinderarzt vor und sprechen Sie über Ihren Plan. Viele Kinderärzte kennen das Verfahren und verfügen bereits über gute Erfahrungen mit dem Training.
  • Damit das Kind den Unterschied zwischen Tag- und Nachtschlaf begreift, machen Sie am Abend alles anders, als wenn das Kind z.B. Mittagsschlaf hält. Ziehen Sie ihm einen "Nacht"-Schlafanzug an. Lesen Sie ihm nur Abends eine Geschichte vor oder spielen Sie nur am Abend eine bestimmte Melodie ab.
  • Legen Sie das Training möglichst in Ihre Urlaubszeit und halten Sie eine Uhr mit Sekundenanzeige bereit (Auf Ihr Zeitgefühl können Sie sich unter Stress nicht verlassen).
  • Gehen Sie nur dann zu Ihrem Kind, wenn es wirklich weint. Wenn es lediglich "knüttert" kann das ein erster Hinweis dafür sein, dass die Methode zu greifen beginnt.
  • Verlassen Sie gemäß dem vorher festgelegten Zeitplan auch dann den Raum, wenn sich das Kind noch nicht beruhigt hat. Denken Sie daran, dass sich eine "Tröstezeit" von maximal zwei Minuten in der Praxis bewährt hat.
  • Trösten Sie Ihr Kind nur "passiv". Streicheln Sie es sanft, beruhigen Sie es mit Worten, doch geben Sie ihm keine Nahrung oder Tee. Nehmen Sie es auf keinen Fall auf den Arm oder belohnen es in anderer Hinsicht für sein Schreien.
  • Achten Sie bei allem, was Sie tun, darauf dass Sie ein gutes Gefühl haben. Sollte Ihr Kind erkranken oder in anderer Hinsicht auffällig werden, brechen Sie das Programm ab. Ein hilfebedürftiges Kind sich allein zu überlassen, wäre ein schwerwiegender Fehler und steht in keinem Verhältnis zu dem möglichen Erfolg durch das Training.

Ein Wort zum Abschluss

Lassen Sie sich weder von Freunden noch von Leuten, die es angeblich besser wissen, einreden, Sie seien herzlos, wenn Sie das Training anwenden. Herzlos ist es, wenn eine junge Mutter oder ein Vater sich die Nächte um die Ohren schlagen muss und die ganze Familie unter extremem Stress leidet. Denn die Ruhe, die in die Familie zurückkehrt, kommt letztlich dem Kind zugute, dem tagsüber eine ausgeruhte und vielleicht sogar glückliche Mami oder Papi zur Verfügung steht.

Der Autor Paul Suer ist Pädagoge, Buchautor, Soziologe und Familientherapeut und arbeitet mit suchtkranken Straftätern.

Paul Suer
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49179 Ostercappeln
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